Der rote Palast – June Hur

Mord und Geschichte

Als ich den klappentext gelesen habe, wusste ich, dass ich das Buch lesen muss. Nachdem ich jetzt schon in das Rabbithole K-Drama gefallen bin, kann ich auch gleich Bücher lesen. Ich halte nichts von Altersangaben für ein Buch, denn ich bin der festen Überzeugung jeder sollte das Lesen was ihm Spaß macht und dieses war nun zufällig ein Jugendroman und dann auch eine Mischung aus Historienroman und Krimi. Mein letzter Ausflug in dieses Genre ist Jahre her, mit der Reihe um den Samurai/Ermittler Sano Ichiro von Laura Jho Rawland während des Tokugawa-Shogunats Ende des 17. Jahrhunderts.

Zeitlich sind wir nun also gar nicht so weit davon entfernt. Die Periode und auch das Königreich auf dem Gebiet der heutigen zwei Koreanischen Staaten wird als Joseon (조선) bezeichnet und dauerte von 1392 bis 1897. Mitte des 18. Jahrhunderts bewegen wir uns nun im späteren Drittel. Und die Autorin gibt im Nachwort Einblicke in den historischen Kontext des Romans und nennt Quellen, die sie bei ihrer Recherche genutzt hat.
Der Mord an drei Palastschwestern und einer Hofdame versetzt die Hauptstadt Seoul in Unruhe. Geschildert wird es aus Sicht der achtzehn Jahre alten Hyeon, die zunehmend in die glatte Welt der politischen Intrigen hineingezogen wird, als sie, gemeinsam mit dem Hofarzt und einer weiteren Palastschwester, in der Mordnacht von der Kronprinzessin Hyegyeonggung (혜경궁) in den Palast beordert wird, um den Kronprinzen zu pflegen.

Der Kronprinz

Den Palast zu betreten bedeutet, einen blutigen Pfad zu beschreiten. Joseon (Korea), 1758. Unehelichen Töchtern stehen in der Hauptstadt nur wenige Möglichkeiten offen, aber durch harte Arbeit und Studium hat sich die achtzehnjährige Hyeon eine Stelle als Palastschwester verdient. Alles, was sie will, ist, den Kopf unten halten, gute Arbeit leisten und vielleicht endlich die Anerkennung ihres entfremdeten Vaters gewinnen. Doch plötzlich wird Hyeon in die dunkle und gefährliche Welt der Hofpolitik gestoßen, als jemand in einer einzigen Nacht vier Frauen ermordet. Die Hauptverdächtige ist Hyeons Mentorin. Entschlossen, die Unschuld ihrer geliebten Lehrerin zu beweisen, beginnt Hyeon mit ihren eigenen geheimen Ermittlungen. Bei ihrer Suche nach der Wahrheit trifft sie auf Eojin, einen jungen Polizeiinspektor, der ebenfalls auf der Suche nach dem Mörder ist. Als die Beweise beginnen, auf den Kronprinzen als Mörder hinzuweisen, müssen Hyeon und Eojin zusammenarbeiten, um die dunkelsten Ecken des Palastes zu durchsuchen und die tödlichen Geheimnisse hinter dem Blutvergießen aufzudecken.

Bei Hyegeonggungs Mann handelt es sich um eine der tragischen Prinzengestalten der Geschichte: Prinz Sado (사도 세자 / Sado Seja). Prinz Sado, zu Lebzeiten Prinz Jangheon (장헌) war der ursprüngliche Thronfolger nach König  König Yeongjo (영조) von Joseon (1694–1776) in Korea.  Doch Prinz Sados Verhalten wurde zusehends sonderbarer, unberechenbarer und gewalttätig. Yeongjo übertrug ihm in der Hoffnung, es könnte ihm helfen sich zu bessern, königliche Pflichten und Verantwortung. Doch in Gewalt endende Ausbrüche, die mit dem Tod von Bediensteten endeten, führten schließlich dazu, dass Yeongjo seinem Sohn im August 1761 das Schwert zur Selbsttötung reichte. Als dieser seine Aufforderung zum Suizid ablehnte und die Spannung zwischen beiden zunahm, ließ Yeongjo ihn ein Jahr später in eine Reiskiste sperren, in der er ohne Nahrung und Wasser nach acht Tagen verstarb. Dieser Vorfall führte zu einer erneuten Lagerbildung am Hofe. Nach dem Tod seines Sohnes Prinz Sado ernannte Yeongjo seinen Enkel Jeongjo (정조) (1752–1800) (Sohn von Prinz Sado) zum Prinzen und späteren Thronfolger.

Zu Prinz Sados Verhhalten gibt es mehrere Theorien, die die Autorin alle geschickt aufgreift. Prinz Sado entwickelte ein zunehmend exzentrisches gewalttätiges Verhalten, welches ihm von einflussreichen Mitgliedern am königlichen Hof als Geisteskrankheit ausgelegt wurde. Ihm wurde nachgesagt, zahlreiche sexuelle Affären mit Frauen des Hofes gehabt zu haben, Inzest mit einer seiner Schwestern, und in Anfällen Bedienstete des königlichen Hofes misshandelt und auch getötet zu haben. Ursache seines Verhaltens soll eine Syphilisinfektion gewesen sein, die ihn schwachsinnig werden ließ.

Es gibt neben der Theorie einer Geisteskrankheit zwei alternative Theorien zu dem Verhalten des Prinzen. Die erste Theorie geht aus von persönlichen Differenzen zwischen Vater und Sohn, einer schlechten Behandlung durch seinen Vater als Ursache für die Depression und das anschließende Verhalten.

Die zweite Theorie nimmt an, dass Prinz Sado die Strömungen der neuen konfuzianischen Doktrin unterstützte und in diesem Machtkampf den Intrigen der Vertreter der alten Doktrin unterlag und ihm eine Verschwörung gegen seinen Vater am 22. Mai 1762 vorgeworfen wurde.

Sados Verhalten im Roman wird anhand der Aufzeichnungen seiner Frau beschrieben: Die Erinnerungen der Dame Hyegyeong (한중록/Hanjungnok), welche eine Besonderheit in der Geschichtsschreibung darstellen. Selten treten Frauen adliger Familien als Historikerinnen auf. In diesem Fall war es die Bitte ihres Neffen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, wodurch ein Verlauf des Krankheitsbildes des Kronprinzen nachzulesen ist.

Die Palastschwester und der Ermittler

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Mord in Seoul und der Faktor, der den Spannungsbogen hält. Hyeon und Eojin sind durch ihr Alter ein Bezugspunkt für junge Leser. Es macht Spaß beiden bei ihren Ermittlungen zu folgen und man erfährt in Nebensätzen einiges zur Kleiderordnung und sozialen Zuordnung der Figuren.

Hyeon ist eine Palastschwester, wodurch sie Zugang in den Palast, als auch die Stadt hat. Sie lebt als uneheliche Tochter eines ranghohen Beamten kein einfaches Leben, da ihr ein Name fehlt und ihr dadurch ein Platz in der strengen sozialen Hierarchie nur durch ihre Arbeit zugebilligt werden. Durch ihre Ausbildung zur Schwester, vergleichsweise einer medizinischen Assistenz, kann sie eine Stelle annehmen und hat sich in harter Arbeit die Stellung einer Palastschwester erarbeitet.

Eojin hingegen ist der Sohn einer adligen Familie, der als außergewöhnliches Talent gilt und bereits den Rang eines Ermittlers innehat. Über seinen Hintergrund wird ebenso berichtet aber er bleibt im Vergleich zu Hyeon etwas blasser. Außer seinem Familiären Hintergrund und in den Situationen in denen Hyeon mit ihm interagiert erfährt man wenig über Eojin. Die zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden, die sich langsam anbahnt, ist ein kleiner Seitenarm der Geschichte, aber er dominiert nicht, was sehr angenehm ist. Auch ist Eojin kein romantischer Held.

Hoch die Hände, schnelles Ende!

June Hur ist Geschichtsfan, das liest man in diesem Buch überall raus. Nur kommt dadurch das Ende etwas zu kurz, nachdem es zu einem großen Showdown im Palast mit Prinz Sado kam, plätschert dei Story dahin und man merkt, dass die Autorin eigentlich zum Ende kommen möchte. Obwohl da natürlich die Frage ist, wie viel wurde von Seiten des Verlags her gekürzt. Denn die Autorin lässt sich Zeit, Hyeon und Eojin Hinweise und Zeugen zu finden, beschreibt das Leben im Palast und die Aufgaben der einzelnen Palastschwestern, aber das Ende wird dann sehr schnell abgehandelt und plätschert etwas aus.

Fazit

Die Autorin verwebt geschickt Geschichte mit Unterhaltung und Krimi – heraus kam eine fesselnde Mischung die in den 2000ern schon einmal sehr populär war und jetzt wiederentdeckt wird – nicht zu unserem Nachteil. Die Charaktere waren gut ausgearbeitet und man kann sich ein paar Stunden in das 18. Jahrhundert mit „Mantel und Degen“-Mentalität entführen lassen. Jedoch wirkte die Auflösung des Falls etwas hastig. Trotzdem ein lesenswertes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

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