Bring no Clothes – Charlie Porter

Why do we wear what we wear? To answer this question, we must go back and unlock the wardrobes of the early twentieth century, when fashion as we know it was born.

In Bring No Clothes, acclaimed fashion writer Charlie Porter brings us face to face with six members of the Bloomsbury Group, the collective of artists and thinkers who were in the vanguard of a social and sartorial revolution. Each of them offers fresh insight into the constraints and possibilities of fashion today: from the stifling repression of E. M. Forster’s top buttons to the creativity of Vanessa Bell’s wayward hems; from the sheer pleasure of Ottoline Morrell’s lavish dresses to the clashing self-consciousness of Virginia Woolf’s orange stockings. As Porter carefully unpicks what they wore and how they wore it, we see how clothing can be a means of artistic, intellectual and sexual liberation, or, conversely, a tool for patriarchal control.

Travelling through libraries, archives, attics and studios, Porter uncovers fresh evidence about his subjects, revealing them in a thrillingly intimate, vivid new light. And, as he is inspired to begin making his own clothing, his perspective on fashion – and on life – starts to change. In the end, he shows, we should all ‚bring no clothes,‘ embracing a new philosophy of living: one which activates the connections between the way we dress and the way we think, act and love.

Inhaltsangabe

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich über dieses Buch sagen soll. Ich hatte bereits What Artists wear von Charlie Porter gelesen. Und daher war ich gespannt auf „Bring no clothes: Bloomsbury and the Philosophy of Fashion“ gefreut und dann war ich nur noch entsetzt.

Das Buch scheint eher eine persönliche Selbstverwirklichungsmanie von Charlie Porter gewesen sein. Und das mit Ankündigung. Zunächst erst einmal zu den Kritikpunkten

Queer for everyone

Queer wird dermaßen inflationär benutzt, das ich mich gezwungen fühlte etwas klar zu stellen. Queer ist ein Begriff des 21. Jahrhunderts, denn die Personen der Bloomsbury Group für sich nicht benutzt haben können. Weil es ihn so in der Verwendung noch nicht gab. Und als jemand der Seit Jahren Mode und Modegeschichte unterrichtet ist das einfach eine grobe Fahrlässigkeit, für die das Buch alleine schon dem Autor um die Ohren gehauen gehört.

Bad Taste

Schlecht zusammengerumpelte Kleidung mit fragwürdigen Löchern als großes Statement zu verkaufen gehört da ebenfalls dazu. Ganz ehrlich, das er das in Tradition zu der Bloomsbury Group stellt, spottet jeder Beschreibung. Es stimmt die Angehörigen dieser Gruppe wurden dafür öfter schief angesehen. Aber ob der Autor nun einen Pullove rmit Loch am Bauch trägt und Leute ihn darum im Sommer beneiden – ich bezweifle es.

Das Buch „ The Bloomsbury Look“ von Wendy Hitchmough arbeitet den Einfluss der Bloomsbury Group auf die Mode deutlicher heraus. Dieses Buch nimmt einen etwas spezifischeren Blickwinkel auf Bloomsbury ein – den ihres Einflusses auf die Mode; das Buch befasst sich hauptsächlich mit der Selbstidentität der Gruppe durch ihre eigene Einstellung zur Kleidung (und zum Ausziehen); es gibt ein Kapitel über Familienfotografie – wie sie den individuellen Stil enthüllte und wie sie sich selbst und einander sahen – dies führt zur Projektion dieses Stils durch Gemälde, dann die Textil- und Kleiderentwürfe, Schmuck usw. und die bohèmehaften, avantgardistischen Produktionen der Omega-Werkstätten.

Daher empfehle ich eher „The Bloomsbury Look“ zu lesen.

Fanboy failure

Charlie Porter ist ein Bloomsbury Fanboy. Das wird in jeder Zeile deutlich. Das dass sei ihm gegönnt, denn wir alle haben unsere Helden in der Geschichte, die uns begeistern und inspirieren. Und es steht wohl nicht in Zweifel, dass dieser Zirkel in den 1920er und 30er Jahren einen Einfluss auf moderne Sichtweisen und auch Wirtschaft mitgestalten konnte. Insbesondere John Maynard Keynes und Virgina Woolf sind bis heute fest verankert. Allerdings muss auch deutlich gesagt werden, dass mit Ausbruch des II. Weltkrieges die Bloomsbury Group zunehmend an Bedeutung verlor und bis in die 1970er Jahre nahezu völlig vergessen war, bis die Texte Virgina Woolfs wiederentdeckt wurden.

Charlie Porter fällt in diesem Buch jenem Narrativ zum Opfer, was sich mit der Wiederentdeckung der Gruppe festsetzte. Dass sie auf jede soziale Gruppe Einfluss gehabt hätten, vor allem die geheim gelebte Homo- und Bisexualität. Und da er, Charlie Porter, sich selbst der LGBTQ+ Community zurechnet, steht für ihn außer Frage, dass die Bloomsburys wie eine Art Schutzheilige dieser vorangegangen sind.

Kritische Diskussion? Och nö.

Es mag gemein klingen, aber auch wenn der Autor zunächst versucht zu sagen, dass er sich bewusst ist, dass die Gruppe durchaus diskutabel ist, so scheint es ihn hinterher nicht zu bekümmern. Ich muss zugeben, dass ich einen ziemlich kritischen Blick habe, wenn es um die Bloomsbury-Gruppe geht. Nachdem ich eine Reihe von Büchern über diese Gruppe gelesen habe, entwickelte ich eine Abneigung gegen das cliquenhafte, elitäre Auftreten. Man kann sagen, dass sie wie viele dieser Gruppierungen, innerhalb der Gruppe tolerant waren, aber das gilt nicht zwingend nach Außen.

Sie waren Produkte ihrer Zeit, Erziehung, sozialen Herkunft und den vorherrschenden gesellschaftlichen Strömungen. Virginia Woolfs Tagebücher geben einen umfassenden Einblick, dass sie von Autoren der Working Class nichts hielt, unter anderem James Joyce. Roger Fry und Clive Bell, die ihren eigenen Kreis und eine bestimmte Art französischer Malerei förderten und bewusst jede moderne Kunst ignorierten, die ihnen nicht gefiel oder die sie nicht mitgestalten konnten.

Kontext, Kontext Kontext

All das wird von Charlie Porter ausgespart, um ein eigenes Narrativ zu schaffen, dass weder der Komplexität der Bloomsbury Group Rechnung trägt, noch dem Anspruch des Buch etwas über den Einfluss, den die Gruppe auf Mode und Kleidungsgepflogenheiten hatte, zu sagen. Umso verwunderlicher ist es, dass er 2023 eine Ausstellung in Charleston kuratierte.

Mit welchen Konzepten hat die Gruppe nun gegen das Patriachat aufbegehrt? Es fehlt der Kontext, der zeitliche Rahmen, die gesellschaftlichen Vorgaben und die Umbrüche Großbritanniens in Gänze. Haben diese Menschen in einer Art Vakuum existiert? DAs gehört zum Grundhandwerk, wenn man ein Buch über den Einfluss einer Gruppe auf die Gesellschaft sprechen will. Und allein die Tatsache, dass das fehlt ist für dieses Buch ein Problem. Stattdessen ist es das Schwärmen eines Fanboys, der sein Fantasiegebilde, das er um sich und diese Gruppe herumaufgebaut hat, nicht stören lassen will.

Fazit

Bei einem Buch, welches sich angeblich mit der Philosophie der Mode oder besser der Kleidung der Protagonisten beschäftigt, erwarte ich nicht, dass ich sowohl über deren sexuelle Orientierung, als auch über die des Verfassers informiert werde. Zudem versucht der Autor offenbar seine persönlichen Erfahrungen als „Erbe“ der Bloomsbury Gruppe zu sehen und verliert sich in seinem Fanboy-Kosmos.

Kein Zweifel, dass die Kleidung eines Menschen einiges über seine Persönlichkeit verrät, aber wenn der Autor alle visuellen Informationen nur „queer“ und als „Queer History“ interpretiert ist das wenig überzeugend und auch nicht angemessen. Es ist alarmierend wie sehr offenbar versucht wird, eine Gruppe in eine Geschichtsschreibung zu quetschen, die nicht mehr dazu gedacht ist die Komplexität einer modernen Gesellschaft zu beleuchten, sondern nur noch auf Selbstbeweihräucherung und Klientelpolitik aus ist. Die Geschichte der Sexualität ist lang und genauso ein Teil der Menschheitsgeschichte, aber sicherlich sollte sie nicht dazu dienen sich ständig selbst in der eignen Großartigkeit zu bestätigen.

Alles in allem völlig am Thema vorbei.

Herausgeber : Particular Books
Erscheinungsdatum : 7. September 2023
Sprache : Englisch

Preis: 19,55€ 

Ich bin meine eigene Muse

Die Muse des Künstlers ist eine der am meisten romantisierten Figuren der Kunstgeschichte, wenn nicht sogar der gesamten Popkultur. und mit der Muse verbinden wir ein ganz bestimmtes Bild. Oftmals Frauen, die sich im Kunstmilieu bewegen und Künstler zu großartigen Arbeiten inspirieren. Sei es durch Ausstrahlung und Charakter, intellektuelle Stimulation oder menschliche Zuwendung. Gleichzeitig darf man aber auch nie vergessen, dass es oft der einzige Weg für eine Frau war selbst eine Künstlerische Karriere einzuschlagen.

Eines der eindrücklichsten Verhältnisse von Muse und Künstler war die Beziehung zwischen Gustav Klimt und seiner lebenslangen Freundin , der avantgardistischen Schneiderin Emilie Flöge. Ihr ganzes Leben lang, arbeiteten sie auf kreativer Ebene zusammen. Klimt entwarf als Gastdesigner Kleider für Flöges Firma, und Flöge posierte für seine Gemälde.

Emilie Flöge, Ölgemälde von Gustav Klimt, 1902, Museum Wien


Noch heute ist das traditionelle Bild der Muse – eine junge, schöne Frau, die von einem (weißen, männlichen) kreativen Genie „entdeckt“, poliert und der Welt wie eine Eliza Dolittle präsentiert wird, vorherrschend. Warum?

Zum einen ist es ein romantisches Bild, dass der magischen Symbiose zweier Menschen auf intellektuellem Niveau, ein Hauch von Geheimnis und keuscher Sinnlichkeit und zugleich die Idee einer avantgardistischen Kunstbewegung. Allen Anstrengungen zum trotz, ein solches Bild zu dekonstruieren: es wird immer einen Platz behalte, weil es eine nostalgisch, romantische Vorstellung bedient.
Das bedeutet nicht, dass alte Geschichten darüber, wer als großer Künstler bekannt wird und wer in Nebenrollen wie der Muse stecken bleibt, über Bord geworfen werden.

Musen durch die Zeiten

Die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts ist dominiert von Männlichen Künstlern. Und das heißt nicht, dass diese Herren nicht bedeutende Beiträge geleistet haben – Monets Seerosen sind immer noch Bezaubernd, und Gaugins tahitianische Frauen ein intensives Farbspiel oder die gesamte Orientalismus- und Egyptomanie bis in die 1950er Jahre. Berühmte Künstler-Muse-Beziehungen wie Picasso und Marie-Thérese oder Camille Claudel und Rodin sind in die Kunstgeschichte und unser kulturelles Gedächtnis eingegangen. Aber wir vergessen, dass diese Frauen selbst Künstlerinnen waren, ganz zu schweigen dass sie Individuen waren. Das beste Beispiel ist Rodin und Claudel – sie selbst war eine hervorragende Bildhauerin, hat Eng mit Rodin zusammengearbeitet, aber die Geschichte hat sie in die Rolle der Geliebten, Modell und Muse verwiesen.

Die moderne Muse?

Auch Heute funktioniert genau dieses Konzept noch sehr gut, wenn wir uns das Werk der meisten Künstler ansehen. Ich schreibe meist über Mode, wo es am deutlichsten wird. Es resultierte in legendären Verbindungen wie Ines de La Fresange und Karl Lagerfeld, Hubert de Givenchy & Audrey Hepburn, Loulou de La Falaise und Yves Saint Laurent. Frauen die ein Schönheitsideal verkörpern: daran ist nichts auszusetzen und ich plädiere dafür, dass man die kreative Stimme nicht zum erliegen bringen darf Aber man muss innehalten und sich fragen: was genau wird hier gesagt und gezeigt?

Und obwohl die Kunst gewagt und visionär sein mag, bekommt die Öffentlichkeit keinen Blick hinter die Kulissen der Beziehung. In der Öffentlichkeit in harmonisches, einvernehmliches Bild der Freundin des Hauses, des Künstlers und eine Menge Presse. Dabei zeichnet sich häufig ein anderes Bild: eine schlecht definierte Geschäftsbeziehung voller Abhängigkeiten, die manchmal an Ausbeutung grenzt. Zum Preis von schöner Kleidung. Und die Gefahr dass irgendwann die Muse ersetzt wird.


Das heißt aber wiederum nicht, dass Musen nicht gebraucht werden. Die ständige Suche nach Inspiration ist ein wichtiger Teil des Künstlerdaseins und die ganze Welt kann Inspiration sein: Natur, Städte, Musik, Gelesenes, Gesehenes und andere Menschen. Wer von uns ist nicht schon einmal von einem Menschen, dem wir begegnet sind, Freunde, Musiker oder einfach einem YouTuber, Tiktoker und Twitcher völlig inspiriert worden? Die Rolle der Muse ist ein wesentlicher Bestandteil der Kreativität und der Kunst, daran ändert sich nichts und sollte sich auch nicht. Wir brauchen Muse. Und für junge, aufstrebende Künstler kann die Zusammenarbeit mit reiferen Künstlern ungemein beflügelnd sein ein neues Verständnis in der eignen Arbeit sein.