Jeanne d’Arc, die Schutzheilige der Popkultur

Die Sache mit Jeanne

Zum Todestag einer der wohl berühmtesten Frau der französischen Geschichte.

Warum kann die Popkultur nicht genug von der jugendlichen Märtyrerin bekommen, die ihr Land zum Sieg führte? Sie ist schon seit langem eine Figur, die in jeder Generation auf großes Interesse stößt und angesichts ihrer asketischen Ausstrahlung eine unwahrscheinliche Ikone darstellt.

Im 14. Jahrhundert in einer Bauernfamilie geboren, wuchs sie während des blutigen hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich auf. Im Alter von dreizehn Jahren hatte sie göttliche Visionen, dass sie Frankreich zum Sieg führen würde. Ihr Glaube war so stark, dass sie den zukünftigen König Karl VII. kennenlernte und ihn davon überzeugte, sie bei der Belagerung von Orléans anzuführen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Es folgten weitere Siege, die zur Krönung des Königs im Jahr 1429 führten. Jeannes Ruf wurde zur Legende, verstärkt durch das furchteinflößende Bild eines jugendlichen Mädchens in Rüstung, das den Angriff anführte. Im folgenden Jahr wurde sie jedoch von den mit den Engländern verbündeten Burgundern gefangen genommen und wegen Hexerei, Ketzerei und Tragen von Männerkleidung vor Gericht gestellt. Im Jahr 1431 wurde sie auf einem öffentlichen Platz in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie wurde 1920 von der katholischen Kirche als Schutzpatronin Frankreichs heiliggesprochen.

Jeanne d’Arc und die Popkultur

In der Vorstellung der Modewelt ist der Teenager, der eine französische Armee zum Sieg führte, zum Symbol für Unberührbarkeit geworden – amazonenhaft, androgyn, abwechselnd transgressiv und erotisch. Ihre Jugend ist Teil der Anziehungskraft, ebenso wie ihre Kleidung. Was ist heißer als eine Frau in einer Rüstung? In den letzten dreißig Jahren wurde sie häufig auf Laufstegen und in Leitartikeln zitiert. Jean-Paul Gaultier steckte sie 1994 in eine verzierte Rüstung und ein bäuerliches Korsett. Alexander McQueen huldigte ihr 1998 in einer Kollektion mit dem Titel „Joan“ auf unheimliche Weise. 2006 milderte John Galliano ihre harten Kanten ab, indem er ihr eine goldene Halbschale über schwungvolle Couture-Drapierungen legte.

Für die Popkultur wurde Jeanne sowohl zur Kriegerkönigin als auch zum Opfer des Patriarchats – die unbezwingbare Frau in Rüstung, die dafür bestraft wurde (obwohl man selten zugeben wird, dass Jeanne d’Arc solche Kleidung nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit oder des Pragmatismus oder sogar der Vorliebe trug, sondern auch wegen der allgegenwärtigen Bedrohung durch sexuelle Gewalt).

Oft ist sie mehr Archetyp als reale Person und reiht sich ein in Reihe berühmter Heldinnen und realer oder erfundener Figuren, die häufig als Muse herangezogen werden: Elizabeth I., Alice im Wunderland, Princess Di, Virginia Woolfs Orlando. Sie wird auf den Laufstegen von High-Fashion-Models verkörpert und neigt dazu, in diesen Kontexten sehr schön zu sein, wobei sie sich auf der weiblichen Seite der Androgynität aufhält. In dieser Hinsicht lehnt sie sich an eine visuelle Tradition an, die von den schwülen Gemälden der Präraffaeliten bis zu den vielen Schauspielern reicht, die sie auf der Leinwand gespielt haben, darunter Ingrid Bergman, Jean Seberg und Milla Jovovich, die mitreißende Reden halten, während sie in die Schlacht reiten und sich den männlichen Autoritäten stellen, die sie schließlich töten werden.

Bands wie O.M.D huldigten ihr in Synthie Pop, in der eine Frau mit rotem Mantel durch die schneeweiße Landschaft galoppiert und Leonhard Cohen setzte ihr ein lyrisches Denkmal absoluter Einsamkeit. Jeanne d’Arc ist Heldin, Heilige, Märchenfigur in einem.

Sogar in den japanischen Manga hielt Jeanne Einzug. Die Mangaka Arina Tanemura konzipierte ihre erfolgreichste Serie „Jeanne die Kamikazediebin“ (Kamikaze Kaito Jeanne) um die französische Nationalheldin. Hier wird im Shojo Stil Jeanne in Gestalt einer 16-jährigen Schülerin wiedergeboren und fängt Dämonen, die Sie in Schachfiguren bannt.

Es ist nach wie vor die beste und beunruhigendste Interpretation der Heiligen, mit Modellen in Kettenhemden und kirchlich inspirierten Stücken mit blutroten Kontaktlinsen war die Schau „Joan“ von Alexander McQueen. Das Finale zeigte eine einsame Figur in einem Feuerring, deren roter Perlenrock die Feuersbrunst widerspiegelte. Für McQueen war Jeanne eine faszinierende Figur, nicht nur wegen ihres Charismas oder ihrer maskulinen Kleidung, sondern wegen ihrer Überzeugung.

Jeanne – ein Opfer des Zeitgeist?

In Jeanne d’Arc: The Image of Female Heroism (1981) stellt die Wissenschaftlerin Marina Warner fest, dass das Bild der Jeanne d’Arc im Laufe der Jahrhunderte zu einer Chiffre geworden ist, die „sofort vor dem geistigen Auge präsent ist: knabenhafte Haltung, kurzgeschnittenes Haar, mittelalterliche Kleidung, Rüstung, ein Hauch von spiritueller Erhabenheit gemischt mit physischem Mut“. Warners zentrales Argument ist, dass jede Epoche und jede kulturelle Bewegung Johanna für ihre eigenen Zwecke umgestaltet hat, indem sie von ihr nahm, was sie brauchte.

Obwohl sie eine reale historische Figur ist, ist sie auch „die Protagonistin einer berühmten Geschichte in der zeitlosen Dimension des Mythos, und die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird, erzählt eine andere Geschichte“ Jeanne wurde von Feministinnen bis hin zu rechtsextremen Nationalisten als Patriotin, Mystikerin, heilige Jungfrau, Hexe und vieles mehr dargestellt. Sie wurde im Einklang mit unserem Verständnis von Sexualität und Geschlecht neu gelesen und reklamiert. In ihrer Biografie von 1936 deutete Vita Sackville-West an, dass sie lesbisch gewesen sein könnte. In einer Inszenierung des Globe Theaters in London wurde Jeanne als nicht-binär vorgestellt.

Die Mode neigt dazu, den Mut und die Kleidung zu nehmen und das Göttliche wegzulassen. Religiöse Visionen und Stimmen sind künstlerisch schwieriger umzusetzen, da sie eine relativ komplexe Auseinandersetzung mit Fragen der Theologie und Mystik oder des Wahnsinns erfordern. Das Märtyrertum ist ebenfalls heikel, aber es ist reizvoll, in einer Zeit, in der der öffentliche Diskurs von Debatten über Hexenjagden, Annullierungen und Schwarz-Weiß-Moral beherrscht wird, flüchtig darauf anzuspielen. McQueens Antwort zeichnet sich nicht nur durch ihre Tiefe, sondern auch durch ihre Trostlosigkeit aus. Es ist einfach zu sagen, dass man sich auf einen Märtyrer bezieht. Schicken Sie ein Model mit kurzgeschorenem Haar und Kettenhemd, und Joan taucht sofort in der Vorstellung auf.

Es ist gewagter, eine gewisse Affinität zu dem Glauben, der Marginalisierung, dem Fanatismus und der Verletzlichkeit zu suggerieren, die das Märtyrertum erfordert das ist die ultimative Schwierigkeit für jede historische Figur, die von der Modeindustrie aufgegriffen wird. Es liegt in der Natur der Modenschau, dass sie erzählerische Anker braucht – einen Ausgangspunkt, eine „Muse“, eine Reihe visueller und historischer Anhaltspunkte. Ist es nicht unvermeidlich, dass solche Figuren in einem Bereich, in dem es letztlich um die Herstellung und den Verkauf von Kleidung geht, hohl und klischeehaft werden – reduziert auf bloße Oberfläche? McQueen hat bewiesen, dass es auch anders geht; andere sind ihm gefolgt, und in der Zukunft wird es unweigerlich weitere geben.

Gods and Kings – Dana Thomas

In Gods and Kings Dana Thomas, author of Deluxe, tells the story of how John Galliano and Alexander McQueen changed the face of fashion

In the first decade of the 21st century the fashion world was dominated by two different but equally successful and turbulent figures. WIn the first decade of the 21st century the fashion world was dominated by two different but equally successful and turbulent figures. Within twelve months, Alexander McQueen had committed suicide, and John Galliano had professionally imploded. Who was to blame? And how was fashion changed by their rise and fall? Spanning the 80s, 90s and noughties, Gods and Kings tells the story of these two charismatic figures and times of great change in the world of fashion, from London’s raucous art and club scene to the old-world glamour of Parisian couture, and reveals the machinations of this notoriously secretive industry.

Klappentext

Am Donnerstagabend feierte John Galliano einen Triumph in Paris. Mit Artisanal, der Frühjahr/Sommer Kollektion 2024 für Maison Margiela hat John Galliano mit einem Schlag all das Zurückgeholt, was ich in den letzten Jahren an Mode schmerzlich vermisst habe: Das Gefühl, dass Mode uns Träumen lassen kann.

John Galliano ist ein Designer, über den man nur schwer sprechen kann. Er ist ein unvergleichliches Talent und kreatives Genie, das für einige der denkwürdigsten Kollektionen verantwortlich ist, die je gezeigt wurden. Er hat auch mit einigen Dämonen gekämpft und wurde „cancelled“, bevor dieser Begriff wirklich aufkam.

Seit seiner Entlassung bei Dior im Jahr 2011 ist es relativ ruhig um ihn geworden, auch nachdem er 2014 als Kreativdirektor zu Maison Margiela kam. Doch seit der Artisanal-Show 2024 von Maison Margiela am Donnerstagabend ist es mit der Zurückhaltung vorbei. Galliano ließ sich von dem ungarisch-französischen Künstler Brassaï und seinen voyeuristischen Fotografien des nächtlichen Paris inspirieren, was sich in der Kulisse der Show – unter der vom Vollmond beleuchteten Pont Alexandre III – ebenso widerspiegelte wie in den Figuren, die über den Laufsteg schritten, und in der Farbpalette der Kollektion.

Unter dem Eindruck dieser Show habe ich eines meiner Lieblingsbücher über die Modeindustrie der letzten 10 Jahres herausgeholt und erneut gelesen: Gods and Kings. Ein Buch, dass sich mit dem kometenhaften Aufstieg und olympischen Fall der wichtigsten Designer der 1990er und 2000er Jahre: John Galliano und Alexander McQueen.

Beide sind streitbare Personen. Insbesondere John Galliano ist für mich eine persönliche Herausforderung. Er ist ein Künstler seines Metiers. Aber zurecht wurde er 2011 wegen wiederholtem Antisemitismus gefeuert. Alexander McQueen ist ein nicht weniger kreativer, aber problematischer Designer gewesen.

Das Buch beschreibt alternierend den Werdegang der beiden Modedesigner. Dabei erhält man auch einen sehr guten Einblick wie das doch harte Modebuisness hinter den Kulissen das Leben der Designer prägen: der Druck innerhalb von sechs Monaten eine neue Kollektion zu entwerfen. Und dabei nicht nur eine: Haute Couture, Ready to wear, Cruise… die Liste wächst und wächst. Dabei ist das Ganze nicht reißerisch sondern sehr gut recherchiert.

Beide Designer, kamen nicht aus einem klassischen Bürgerlichen Hintergrund, sondern aus der Arbeiterklasse, was sie beide zu Außenseitern machte. Insbesondere Alexander McQueen litt unter vermeintlichem oder echtem Getuschel über ihn.

Gods and Kings ist eine hervorragende Chronik über das Leben zweier Modesuperstars und den Tribut, den es für ihr Leben forderte. Als Wunderkinder für ihre Visionen und handwerklichen Fähigkeiten anerkannt, wuchsen sie nie über ihren Ruhm hinaus, um ihre persönlichen Dämonen zu beruhigen. McQueen brachte seine zum Schweigen, indem er Selbstmord beging, und Galliano implodierte sozial, wie beruflich.

Ihre Geschichten sind interessant, weil sich ihre Lebenswege in der Schule auf einem ähnlichen Weg zu Ruhm und Erfolg kreuzten. Sie stürzten zur gleichen Zeit ab, wobei Galliano mehr oder weniger aufrecht blieb. Es hinterließ bei mir den Eindruck, dass wahre Kreativität zwar ein wenig verrückt ist, aber auch zerstört, wenn sie völlig verrückt ist, was im Fall dieser beiden Männer sicherlich der Fall war. Alles in allem ein interessantes Buch.

Und nun 10 Jahre später scheint Galliano eine Renaissance zu erleben.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Penguin (4. Februar 2016)
  • Sprache ‏ : ‎ Englisch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 432 Seiten
  • Preis : 13,16 €

Andrew Wilson- Alexander McQueen. Blood beneath the Skin

Hinweis: diese Rezension beinhaltet Suizid, Drogenmissbrauch und psychische Erkrankungen. Sollte das jemanden triggern bitte nicht weiterlesen.

When Alexander McQueen committed suicide in February 2010, aged just 40, a shocked world mourned the loss of its most visionary fashion designer.

McQueen had risen from humble beginnings as the youngest child of an East London taxi driver to scale the heights of fame, fortune and glamour. He designed clothes for the world’s most beautiful women including Kate Moss and Naomi Campbell. In business he created a multi-million pound luxury brand that became a favourite with both celebrities and royalty, most famously the Duchess of Cambridge who wore a McQueen dress on her wedding day.

But behind the confident facade and bad-boy image, lay a sensitive soul who struggled to survive in the ruthless world of fashion. As the pressures of work intensified, so McQueen became increasingly dependent on the drugs that contributed to his tragic end. Meanwhile, in his private life, his failure to find lasting love with a string of boyfriends only added to his despair. And then there were the dark secrets that haunted his sleep.

Inhaltsbeschreibung

Ich gebe zu, dass ich vor der Lektüre dieses Buches nur Eckdaten über Leben von Lee Alexander McQueen wusste. Ich bin niemand, der seine unkritisch Arbeit verehrt, aber sie zählt zu den wichtigsten der modernen Mode – fast einzigartig könnte sie alle Funktionen erfüllen und den Rang von bildender Kunst erreichen. Nicht zuletzt widmete das V&A und das MET McQueen Ausstellungen und beide Häuser sind im Besitz zahlreicher Arbeiten. Und ich war neugierig auf die Figur hinter der Gestalt „Alexander McQueen“ – den Privatmann, den seine Freunde Lee nannten.

Für mich war der Widerhall des gesamten Buches ein sehr kreativer Mensch, der mehr als ein problematischer Mensch war, dem aber alle um ihn herum dieses Verhalten „verziehen“ haben, weil er so war, wie er war.

Der Mythos Alexander McQueen

Das Buch wurde von seiner Kindheit bis zu seinem frühen Tod geschrieben. Es schildert das Leben eines Mannes mit Talent, Tatendrang, künstlerischer Selbstüberzeugung und einem Workaholic, der bis in die Nacht hinein arbeitete. Und das Buch zeigt ein Leben in Extremen. McQueen war ein sensibler und schüchterner Mann der, wie die meisten von uns, sowohl zu außergewöhnlicher Liebe und Großzügigkeit fähig war, als auch ein grausamer Tyrann gegenüber seinen Partnern und Arbeitskollegen.

Das Buch schildert eines deutlich: McQueen war nicht in der Lage, die Gefühle anderer zu verstehen. Es war ihm unmöglich, gesunde Beziehungen zu führen und aufgrund seines geringen Selbstwertgefühls und seines Drogenmissbrauchs hatte er ernsthafte Vertrauensprobleme. Sein lebenslanges Gewichtsproblem, dass er teils mit radikalen Diäten zu bekämpfen versuchte, trug wenig zu seinem Selbstwertgefühl in einem Arbeitsumfeld bei, dass von Äußerlichkeiten, Frivolität und Schönheitsidealen lebt.

Isabella Blow

Die wohl wichtigste Figur in McQueens kreativer Wirkung war die Modejournalistin Isabella Blow, die McQueen einmal als eine Mischung aus Herzogin und Fischverkäuferin bezeichnete. Seine Beziehung zu Isabella Blow war der interessanteste Part, denn obwohl sie aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen stammten, waren sie sich sehr ähnlich. Im Bezug auf ihren modischen Scharfsinn und kreative Ausdrucksweise, aber auch im Bezug auf ihr geringes Selbstwertgefühl, ihr destruktives Verhalten und ihre psychischen Probleme. Und obwohl Alexander McQueen sich damals bereits von ihr distanziert hatte, traf Blows Selbstmord ihn schwer.

Blow spielte eine wichtige Rolle bei der Förderung der großen, kreativen Köpfe der Modebranche. Die nach ihr benannte Isabella Blow Foundation, fördert bis heute junge Talente.

Was von McQueen übrig blieb

Jedes Kapitel stand für eine Periode mit interessanten Interviews, die Andrew Wilson über diese Zeit geführt hat. Alle Freunde von McQueen verschmolzen in meinem Kopf miteinander, ebenso wie seine Kollegen. Seine Liebe zur Landschaft, zum Meer, zu den schottischen Familienwurzeln und zu seiner Hunde floss in sein Werk ein, stand aber gleichzeitig im Widerspruch zu einer städtischen Existenz, die in rasendem Tempo geführt wurde.

Aber ich hatte das Gefühl, dass über bestimmte Themen geschwiegen wurde. Es gab viele Aussagen von Menschen aus seinem Umfeld, dass er sich gefangen fühlte oder unter großem Druck zu stehen schien. Andere sagten, dass sie ihrem ärgsten Feind den Erfolg in der Modebranche nicht wünschen würden. Warum genau?

Es mag daran liegen, dass viele Weggefährten von McQueen noch leben und das Andenken an McQueen und ihre Profession schützen wollen, ebenso wie die Tatsache das Familie und Freunde natürlich ein ganz bestimmtes Bild vermitteln wollten. Sein kometenhafter Aufstieg führte gleichzeitig zu einem Fall ins Bodenlose, auf Euphorie folgten Phasen tiefster Depressionen.

Er beging Selbstmord. Das ist bitter und schlimm. Aber nach diesem Buch hatte ich keine Kraft für Mitleid mit diesem Mann, außer dass er diese Erde in einem relativ jungen Alter verlassen hat.

Herausgeber ‏ : ‎ Simon + Schuster Inc.

Erscheinungsdatum: 10. März 2016

Sprache ‏ : ‎ Englisch

Taschenbuch ‏ : ‎ 400 Seiten

Preis: 8,39 €

Hinweise:

Telefonseelsorge zur Suizidprävention

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – Sucht & Drogenhilfe

Alexander McQueen: Savage Beauty – Andrew Bolton

An Lee Alexander McQueen kommt man einfach nicht vorbei. Der britische Designer war eine der zentralen Figuren der jüngeren Modegeschichte und vor allem bekannt für seine dramatischen Inszenierungen. Sein Tod 2010 erschütterte die Mode- und Kreativwelt und beendete auch schlagartig die hedonistische Lebensweise innerhalb der Modeszene um die Jahrhundertwende. Bereits 2011 widmete das Metropolitan Museum of Modern Art ihm eine retrospektive Ausstellung: “ Alexander McQueen: Savage Beauty“. Und passend dazu gab es diesen Ausstellungsband.

Alexander McQueen (1969 – 2010) was one of the most influential, imaginative and inspirational designers at the turn of the millennium. His fashions both challenged and expanded the conventional parameters of clothing beyond utility to a compelling expression of culture, politics and identity. Focusing on the most iconic and acclaimed designs of his prolific career, this stunning book examines McQueen’s inimitable technical virtuosity and its subversion of traditional tailoring and dressmaking practices. This book also focuses on the highly sophisticated narrative structures found in McQueen’s collections and in his astonishing and extravagant runway presentations, which suggested the most avant-garde installation and performance art. Intended as an assessment of Alexander McQueen’s entire career, this book includes in-depth studies of six collections that illustrate and encapsulate thematic chapters as well as an interview with Sarah Burton, the new creative director of Alexander McQueen who had been the designer’s right-hand design aide since 1996.

Inhaltsangabe

Wer sich mit Alexander McQueen als Label befasst, kommt um McQueens Stationen nicht herum, um seine Formsprache zu lernen. Alexander McQueen wurde als Schneider in der altehrwürdigen Saville Row ausgebildet, der Straße der gehobenen Herrenschneider. Nach Saville Row arbeitete er kurzzeitig für die Theaterkostümbildner Angels and Bermans, wo er Kostüme für Stücke wie Les Misérables anfertigte. Mit 20 Jahren arbeitete er für Koji Tatsuno und dann für Romeo Gigli in Mailand, bevor er nach London zurückkehrte, um 1990 das Central Saint Martins College of Art and Design zu besuchen. 1992 fiel er der einflussreichen Journalistin Isabella „Izzy“ Blow mit seiner Abschlusskollektion Jack the Ripper stalks his Victims auf, die seine ganze Kollektion aufkaufte und McQueen förderte. Heute befindet sich die Kollektion in der Sammlung von Daphne Guinness.

McQueen war unter anderem einer der jüngsten Designer, die den Titel „British Designer of the Year“ erhielten, den er zwischen 1996 und 2003 viermal gewann; er wurde außerdem zum CBE ernannt und 2003 vom Council of Fashion Designers zum „International Designer of the Year“ gekürt.

Der romantische Künstler

McQueen gilt als derjenige, der Dramatik und Extravaganz auf den Laufsteg brachte; er nutzte neue Technologien und Innovationen, um seinen Schauen eine andere Note zu verleihen, und schockierte und überraschte das Publikum oft. Die von ihm kreierten Silhouetten haben der Mode ein Gefühl von Romanti, Fantasie und Rebellion verliehen. Gleichzeitig wurden seine Entwürfe maßgeblich auch in der Alltagsmode verwendet, wie die von ihm kreierten Bumster, tiefgeschnittene Hüfthosen, die einen Teil des Gesäß freiließen.

Genau dieses Gefühl wird in diesem Ausstellungsband vermittelt. Der Band unterteilt sich in die Bereiche: the Romantic Mind, Romantic Gothic, Romantic Nationalism, Romantic Exoticism, Romantic Primitivism, Romantic Naturalism und Cabinet of Curiosities. Das Werk Alexander McQueens ist vor allem durch dramtische, romantische Extravaganz inszeniert worden, kombiniert mit morbiden Details aus der Viktorianischen Kultur, aber auch Musealer Strukturen wie Nationalismus und den Sammlungen des British Museum und des Victoria & Albert Museum aus der Zeit des Empire. Insbesondere die schottische Kultur und Geschichte inspirierte McQueen.

McQueen und die Popkultur

McQueen war nicht nur ein Künstler sondern hatte auch einen erheblichen Einfluss auf die zeitgenössischen Künstler, die in der ersten Dekade dieses Jahrtausends auftauchten. Er entwarf maßgeschneiderte Designs für die Musikkünstler David Bowie und Björk, die für ihre Albumcover und Tourneen verwendet wurden. Lady Gaga trug in ihrem Video zu „Bad Romance“ mehrere Entwürfe von McQueen, darunter das letzte Outfit aus Platons Atlantis.

Kontroversen und ein menschliches Drama

Es wäre aber auch zu leicht McQueen als dieses große, kreative Genie zu sehen, dass in seiner Traumwelt existierte. Durchaus gab es mehrere Punkte in seiner Person, die in seinem Nachleben nicht gern besprochen werden.

McQueen wurde 1996 zum Chefdesigner von Givenchy ernannt. Hubert de Givenchy, der Gründer des für seine elegante Couture bekannten Labels, kritisierte McQueens Ernennung und bezeichnete sie als „totales Desaster“, woraufhin McQueen bei seiner Ankunft bei Givenchy den Gründer als „irrelevant“ beschimpfte. Später gab er zu die Stelle aufgrund des Gehalts angenommen zu haben

Bei anderen Schauen wurde McQueen wegen frauenfeindlicher Entwürfe kritisiert, die manche als erniedrigend für Frauen betrachteten. In La Poupée (F/S 1997), das von Hans Bellmers Die Puppe inspiriert war, ließ McQueen Models in Metallfesseln stecken, was Beobachter als Sklaverei auffassten, während das silberne Mundstück in Eshu (H/W 2000) die Trägerin zwang, ihre Zähne zu entblößen. Auch das Sexpuppen-Lippen-Make-up der Models in The Horn of Plenty (H/W 2009-10) wurde als hässlich und frauenfeindlich kritisiert.

Ebenso wird sein Lebensstil nicht genauer betrachtet. Alexander McQueen galt als menschenscheu und hatte wenige Freunde. Keine seiner Beziehungen, auch die kurze Ehe mit seinem Partner George Forsyth, hielten lange. Dennoch blieb er meist mit ihnen in freundschaftlichem Kontakt. McQueen litt zeitlebens unter seinem Übergewicht, was er teils mit radikalen Diäten und Konsum von Drogen versuchte zu bekämpfen. Er war HIV-positiv und wurde zunehmend mit Sterblichkeit konfrontiert – sowohl mit seiner eigenen als auch mit der der Menschen, die ihm am nächsten standen. Obwohl seine Beziehung zu Isabella Blow litt, war er am Boden zerstört, als sie 2007 Selbstmord beging. in den letzten drei Jahren entwickelte er zunehmend psychische Probleme, war jedoch psychisch und physisch nicht immer in der Verfassung Therapiesitzungen wahrzunehmen. Im Februar 2010 verstarb seine Mutter, was McQueen in eine tiefe Krise stürzte und auf seinem Twitteraccount dokumentiert war. Im März 2010 wählte McQueen den Freitod.

Nachleben

Das Label Alexander McQueen besteht bis heute. Die derzeitige Chefdesignerin ist McQueens rechte Hand, Sarah Burton. Ihre Entwürfe haben das Label in eine kohärente Marke umgewandelt. Heute bekannt sind die asymmetrischen Hosenanzüge und dramatischen Kleider. Bekannt ist die Marke vor allem für kräftige Farbpaletten. Die Kollektionen richten sich an Damen und Herren im oberen Preissegment.

Die wohl wichtigste Arbeit, seit dem Ableben von Alexander McQueen waren das Brautkleid von bürgerlichen Catherine Middleton, heute Prinzessin von Wales, anlässlich ihrer Hochzeit mit Prinz William Mountbatten-Windsor und das Brautjungfernkleid ihrer Schwester Philippa am 29. April 2011.

Fazit

Andrew Bolton hatte die Aufgabe den Ausstellungsband zu schreiben und das ist ihm gelungen. Das Buch befasst sich hervorragend mit McQueen als kreativem Designer, als Künstler und Visionär der Laufstegkunst. Da es 2011 noch sehr nah an McQueens Schaffensphase war, sind viele seine Kontroversen nicht in die Betrachtung eingeflossen – was verständlich ist. Ist das aber gut? Das finde ich nicht, denn McQueens problematisches Verhalten gehört ebenso zu seiner Biografie wie sein künstlerisches Schaffen und beeinflusste viele seine Arbeiten.

  • Alexander McQueen: Savage Beauty
  • Yale University Press (May 31, 2011)
  • ISBN-10: 0300169787
  • ISBN-13: 978-0300169782
  • Preis: 31,99 €