Jeanne d’Arc, die Schutzheilige der Popkultur

Die Sache mit Jeanne

Zum Todestag einer der wohl berühmtesten Frau der französischen Geschichte.

Warum kann die Popkultur nicht genug von der jugendlichen Märtyrerin bekommen, die ihr Land zum Sieg führte? Sie ist schon seit langem eine Figur, die in jeder Generation auf großes Interesse stößt und angesichts ihrer asketischen Ausstrahlung eine unwahrscheinliche Ikone darstellt.

Im 14. Jahrhundert in einer Bauernfamilie geboren, wuchs sie während des blutigen hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich auf. Im Alter von dreizehn Jahren hatte sie göttliche Visionen, dass sie Frankreich zum Sieg führen würde. Ihr Glaube war so stark, dass sie den zukünftigen König Karl VII. kennenlernte und ihn davon überzeugte, sie bei der Belagerung von Orléans anzuführen, als sie erst siebzehn Jahre alt war. Es folgten weitere Siege, die zur Krönung des Königs im Jahr 1429 führten. Jeannes Ruf wurde zur Legende, verstärkt durch das furchteinflößende Bild eines jugendlichen Mädchens in Rüstung, das den Angriff anführte. Im folgenden Jahr wurde sie jedoch von den mit den Engländern verbündeten Burgundern gefangen genommen und wegen Hexerei, Ketzerei und Tragen von Männerkleidung vor Gericht gestellt. Im Jahr 1431 wurde sie auf einem öffentlichen Platz in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie wurde 1920 von der katholischen Kirche als Schutzpatronin Frankreichs heiliggesprochen.

Jeanne d’Arc und die Popkultur

In der Vorstellung der Modewelt ist der Teenager, der eine französische Armee zum Sieg führte, zum Symbol für Unberührbarkeit geworden – amazonenhaft, androgyn, abwechselnd transgressiv und erotisch. Ihre Jugend ist Teil der Anziehungskraft, ebenso wie ihre Kleidung. Was ist heißer als eine Frau in einer Rüstung? In den letzten dreißig Jahren wurde sie häufig auf Laufstegen und in Leitartikeln zitiert. Jean-Paul Gaultier steckte sie 1994 in eine verzierte Rüstung und ein bäuerliches Korsett. Alexander McQueen huldigte ihr 1998 in einer Kollektion mit dem Titel „Joan“ auf unheimliche Weise. 2006 milderte John Galliano ihre harten Kanten ab, indem er ihr eine goldene Halbschale über schwungvolle Couture-Drapierungen legte.

Für die Popkultur wurde Jeanne sowohl zur Kriegerkönigin als auch zum Opfer des Patriarchats – die unbezwingbare Frau in Rüstung, die dafür bestraft wurde (obwohl man selten zugeben wird, dass Jeanne d’Arc solche Kleidung nicht nur aus Gründen der Bequemlichkeit oder des Pragmatismus oder sogar der Vorliebe trug, sondern auch wegen der allgegenwärtigen Bedrohung durch sexuelle Gewalt).

Oft ist sie mehr Archetyp als reale Person und reiht sich ein in Reihe berühmter Heldinnen und realer oder erfundener Figuren, die häufig als Muse herangezogen werden: Elizabeth I., Alice im Wunderland, Princess Di, Virginia Woolfs Orlando. Sie wird auf den Laufstegen von High-Fashion-Models verkörpert und neigt dazu, in diesen Kontexten sehr schön zu sein, wobei sie sich auf der weiblichen Seite der Androgynität aufhält. In dieser Hinsicht lehnt sie sich an eine visuelle Tradition an, die von den schwülen Gemälden der Präraffaeliten bis zu den vielen Schauspielern reicht, die sie auf der Leinwand gespielt haben, darunter Ingrid Bergman, Jean Seberg und Milla Jovovich, die mitreißende Reden halten, während sie in die Schlacht reiten und sich den männlichen Autoritäten stellen, die sie schließlich töten werden.

Bands wie O.M.D huldigten ihr in Synthie Pop, in der eine Frau mit rotem Mantel durch die schneeweiße Landschaft galoppiert und Leonhard Cohen setzte ihr ein lyrisches Denkmal absoluter Einsamkeit. Jeanne d’Arc ist Heldin, Heilige, Märchenfigur in einem.

Sogar in den japanischen Manga hielt Jeanne Einzug. Die Mangaka Arina Tanemura konzipierte ihre erfolgreichste Serie „Jeanne die Kamikazediebin“ (Kamikaze Kaito Jeanne) um die französische Nationalheldin. Hier wird im Shojo Stil Jeanne in Gestalt einer 16-jährigen Schülerin wiedergeboren und fängt Dämonen, die Sie in Schachfiguren bannt.

Es ist nach wie vor die beste und beunruhigendste Interpretation der Heiligen, mit Modellen in Kettenhemden und kirchlich inspirierten Stücken mit blutroten Kontaktlinsen war die Schau „Joan“ von Alexander McQueen. Das Finale zeigte eine einsame Figur in einem Feuerring, deren roter Perlenrock die Feuersbrunst widerspiegelte. Für McQueen war Jeanne eine faszinierende Figur, nicht nur wegen ihres Charismas oder ihrer maskulinen Kleidung, sondern wegen ihrer Überzeugung.

Jeanne – ein Opfer des Zeitgeist?

In Jeanne d’Arc: The Image of Female Heroism (1981) stellt die Wissenschaftlerin Marina Warner fest, dass das Bild der Jeanne d’Arc im Laufe der Jahrhunderte zu einer Chiffre geworden ist, die „sofort vor dem geistigen Auge präsent ist: knabenhafte Haltung, kurzgeschnittenes Haar, mittelalterliche Kleidung, Rüstung, ein Hauch von spiritueller Erhabenheit gemischt mit physischem Mut“. Warners zentrales Argument ist, dass jede Epoche und jede kulturelle Bewegung Johanna für ihre eigenen Zwecke umgestaltet hat, indem sie von ihr nahm, was sie brauchte.

Obwohl sie eine reale historische Figur ist, ist sie auch „die Protagonistin einer berühmten Geschichte in der zeitlosen Dimension des Mythos, und die Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird, erzählt eine andere Geschichte“ Jeanne wurde von Feministinnen bis hin zu rechtsextremen Nationalisten als Patriotin, Mystikerin, heilige Jungfrau, Hexe und vieles mehr dargestellt. Sie wurde im Einklang mit unserem Verständnis von Sexualität und Geschlecht neu gelesen und reklamiert. In ihrer Biografie von 1936 deutete Vita Sackville-West an, dass sie lesbisch gewesen sein könnte. In einer Inszenierung des Globe Theaters in London wurde Jeanne als nicht-binär vorgestellt.

Die Mode neigt dazu, den Mut und die Kleidung zu nehmen und das Göttliche wegzulassen. Religiöse Visionen und Stimmen sind künstlerisch schwieriger umzusetzen, da sie eine relativ komplexe Auseinandersetzung mit Fragen der Theologie und Mystik oder des Wahnsinns erfordern. Das Märtyrertum ist ebenfalls heikel, aber es ist reizvoll, in einer Zeit, in der der öffentliche Diskurs von Debatten über Hexenjagden, Annullierungen und Schwarz-Weiß-Moral beherrscht wird, flüchtig darauf anzuspielen. McQueens Antwort zeichnet sich nicht nur durch ihre Tiefe, sondern auch durch ihre Trostlosigkeit aus. Es ist einfach zu sagen, dass man sich auf einen Märtyrer bezieht. Schicken Sie ein Model mit kurzgeschorenem Haar und Kettenhemd, und Joan taucht sofort in der Vorstellung auf.

Es ist gewagter, eine gewisse Affinität zu dem Glauben, der Marginalisierung, dem Fanatismus und der Verletzlichkeit zu suggerieren, die das Märtyrertum erfordert das ist die ultimative Schwierigkeit für jede historische Figur, die von der Modeindustrie aufgegriffen wird. Es liegt in der Natur der Modenschau, dass sie erzählerische Anker braucht – einen Ausgangspunkt, eine „Muse“, eine Reihe visueller und historischer Anhaltspunkte. Ist es nicht unvermeidlich, dass solche Figuren in einem Bereich, in dem es letztlich um die Herstellung und den Verkauf von Kleidung geht, hohl und klischeehaft werden – reduziert auf bloße Oberfläche? McQueen hat bewiesen, dass es auch anders geht; andere sind ihm gefolgt, und in der Zukunft wird es unweigerlich weitere geben.

Jeanne d’Arc – Heldin, Heilige und Ikone

Jeanne d’Arc, auch bekannt als die Jungfrau von Orleans, wurde Ende des 15. Jahrhunderts geboren und gilt als symbolische Figur der französischen Geschichte. Eine Geschichte, die filmreif ist. Ein Bauernmädchen aus der französischen Provinz, wird von Gott berufen, Frankreich von den Engländern im hundertjährigen Krieg zu befreien. Nach Siegen und dem Triumph der Krönung Karls VII. sinkt ihr Stern und sie wird von den Engländern auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt.

Jeanne in der Popkultur

Als historische Figur wird Jeanne d’Arc immer wieder in der Popkultur dargestellt. Ob in Filmen, Büchern oder Musik, ihre Geschichte inspiriert Künstler seit ihrem Tod. Doch was macht den Reiz dieser Geschichte aus und wie wird Jeanne dargestellt?


Zu ihren Lebzeiten gibt es exakt ein Bild. Eine stilisierte Zeichnung einer Frau mit Kettenhemd, langen Haaren und Rock. Als gesichert gilt, dass der Verfasser Jeanne nie gesehen hat. Aussagen ihrer Kampf und Weggefährten schildern Jeanne als ca. 157 oder 158 cm groß, mit dunkeln, kurzgeschnittenen Haaren, sonnengebräunt und mit großen, dunkeln Augen. Der wichtigste Aspekt aber ist, in dem Moment, als Jeanne die Bühne der Weltgeschichte betritt, kleidet sie sich nicht in Frauenkleidern sondern in Männerkleidung. Sowohl, weil sie das Leben eines Soldaten führte, aber auch um der Vergewaltigung zu entgehen. In einer Welt in der Kleidung auch ein Ausdruck der sozialen Gefüge und einer gottgegebenen Weltordnung ist, stellt Jeanne etwas undenkbares dar.

Die Kleiderordnung

Das Tragen von Kleidung war in männlich und weiblich eingeteilt. Die Lehren der katholischen Kirchen sahen in dem Tragen von Kleidung die dem anderen Geschlecht zugeordnet waren eine Sünde, wobei es auch in Quellen wie Thomas von Aquin aussagen gibt, dass es Ausnahmen gibt, wie etwa dem Verkleiden um Feinden zu entfliehen oder weil keine anderen Kleider verfügbar sind oder ähnliche Gründe. Susan Schibanoff zufolge erlaubt die mittelalterliche Gesellschaft das tragen von Kleidung des anderen Geschlechtes als ein teil einer temporären Verkleidung, wie etwa bei Theateraufführungen oder Gauklern, verbot aber das aneignen und leben der Merkmale des dargestellten Geschlechtes.

Sicher ist, das es eine gewisse Akzeptanz für Travestie in bestimmten Kontexten gab. So etwa weibliche Heilige, die sich als Mönche verkleideten. Als Konsequenz bestand die Anklage von Jeanne d’Arc darin dass sie nichts getan habe um ihre Geschlecht vollständig zu verbergen und sich der männlichen Welt anzugleichen. Was bedeutet, dass anders als die weiblichen Heilige, die ihre Geschlecht vollständig verbargen und als Männer lebten, hatte Jeanne weder ihr Geschlecht noch die „Zeichen ihrer biologischen Weiblichkeit verborgen.

Ihre Anklage ist lang und kompliziert. Sie wird in zwölf von siebenundsechzig Anklagepunkten schuldig gesprochen. Da Jeanne d’Arc ihrem Glauben abschwört wird ihr Urteil in eine lebenslange Haft umgewandelt. Letztendlich wird das Tragen von Männerkleidung ihr zum Verhängnis und sie als notorisch rückfällige Häretikerin verbrannt.

Mit den Tod von Jeanne d’Arc beginnt aber auch ihr Mythos. Die Geschichte der gottgesandten Jungfrau, dass gegen die fremden Besatzer aufbegehrt und die politische Wende im hundertjährigen Krieg einleitet. Sie inspirierte Schriftsteller, Musiker und Künstler über jede Zeit hinaus.

In der Filmwelt wurde Jeanne d’Arc bereits mehrfach porträtiert. Ein bekannter Film ist die Verfilmung von Luc Bessons „Jeanne d’Arc“ aus dem Jahr 1999. Hier wird die Geschichte der Jungfrau von Orleans erzählt, die ihr Leben opferte, um Frankreich vor der englischen Invasion zu schützen. Der Film weist einige historische Ungenauigkeiten auf, vermittelt jedoch gut die entschlossene und mutige Jeanne d’Arc.

Joan of Arc!

Auch in der Musikwelt gibt es viele Songs über Jeanne d’Arc. Von Leonard Cohen und Arcarde Fire über die Band OMD haben unterschiedliche Künstler ihre Geschichte in verarbeitet. In dem Song wird das tragische Schicksal der Jungfrau von Orleans erzählt, die von den Engländern gefangen genommen und schließlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Jeanne in Fashion

Jeanne d’Arc hat auch Einflüsse in der Modeindustrie und anderen Bereichen des Kunsthandwerks. So war der 1920er Pagenschnitt für Frauen an Quellen von Jeanne d’Arcs verbrügten Kurzhaarschnitt angelehnt und ein Symbol zur Selbstermächtigung der Frau

Einzelne Designer haben sich von der Geschichte inspirieren lassen und Kleidungsstücke kreiert, die an die Rüstung eines mittelalterlichen Ritters erinnern.

Jeanne d’Arc ist eine zeitlose Figur, die immer wieder in verschiedenen Popkultur-Formen auftaucht. Obwohl ihre Geschichte tausend Jahre zurückliegt, regt sie immer noch die Kreativität von Künstlern an und ist ein wichtiger Bestandteil der Kulturgeschichte von Frankreich und der Welt.