Ich bin meine eigene Muse

Die Muse des Künstlers ist eine der am meisten romantisierten Figuren der Kunstgeschichte, wenn nicht sogar der gesamten Popkultur. und mit der Muse verbinden wir ein ganz bestimmtes Bild. Oftmals Frauen, die sich im Kunstmilieu bewegen und Künstler zu großartigen Arbeiten inspirieren. Sei es durch Ausstrahlung und Charakter, intellektuelle Stimulation oder menschliche Zuwendung. Gleichzeitig darf man aber auch nie vergessen, dass es oft der einzige Weg für eine Frau war selbst eine Künstlerische Karriere einzuschlagen.

Eines der eindrücklichsten Verhältnisse von Muse und Künstler war die Beziehung zwischen Gustav Klimt und seiner lebenslangen Freundin , der avantgardistischen Schneiderin Emilie Flöge. Ihr ganzes Leben lang, arbeiteten sie auf kreativer Ebene zusammen. Klimt entwarf als Gastdesigner Kleider für Flöges Firma, und Flöge posierte für seine Gemälde.

Emilie Flöge, Ölgemälde von Gustav Klimt, 1902, Museum Wien


Noch heute ist das traditionelle Bild der Muse – eine junge, schöne Frau, die von einem (weißen, männlichen) kreativen Genie „entdeckt“, poliert und der Welt wie eine Eliza Dolittle präsentiert wird, vorherrschend. Warum?

Zum einen ist es ein romantisches Bild, dass der magischen Symbiose zweier Menschen auf intellektuellem Niveau, ein Hauch von Geheimnis und keuscher Sinnlichkeit und zugleich die Idee einer avantgardistischen Kunstbewegung. Allen Anstrengungen zum trotz, ein solches Bild zu dekonstruieren: es wird immer einen Platz behalte, weil es eine nostalgisch, romantische Vorstellung bedient.
Das bedeutet nicht, dass alte Geschichten darüber, wer als großer Künstler bekannt wird und wer in Nebenrollen wie der Muse stecken bleibt, über Bord geworfen werden.

Musen durch die Zeiten

Die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts ist dominiert von Männlichen Künstlern. Und das heißt nicht, dass diese Herren nicht bedeutende Beiträge geleistet haben – Monets Seerosen sind immer noch Bezaubernd, und Gaugins tahitianische Frauen ein intensives Farbspiel oder die gesamte Orientalismus- und Egyptomanie bis in die 1950er Jahre. Berühmte Künstler-Muse-Beziehungen wie Picasso und Marie-Thérese oder Camille Claudel und Rodin sind in die Kunstgeschichte und unser kulturelles Gedächtnis eingegangen. Aber wir vergessen, dass diese Frauen selbst Künstlerinnen waren, ganz zu schweigen dass sie Individuen waren. Das beste Beispiel ist Rodin und Claudel – sie selbst war eine hervorragende Bildhauerin, hat Eng mit Rodin zusammengearbeitet, aber die Geschichte hat sie in die Rolle der Geliebten, Modell und Muse verwiesen.

Die moderne Muse?

Auch Heute funktioniert genau dieses Konzept noch sehr gut, wenn wir uns das Werk der meisten Künstler ansehen. Ich schreibe meist über Mode, wo es am deutlichsten wird. Es resultierte in legendären Verbindungen wie Ines de La Fresange und Karl Lagerfeld, Hubert de Givenchy & Audrey Hepburn, Loulou de La Falaise und Yves Saint Laurent. Frauen die ein Schönheitsideal verkörpern: daran ist nichts auszusetzen und ich plädiere dafür, dass man die kreative Stimme nicht zum erliegen bringen darf Aber man muss innehalten und sich fragen: was genau wird hier gesagt und gezeigt?

Und obwohl die Kunst gewagt und visionär sein mag, bekommt die Öffentlichkeit keinen Blick hinter die Kulissen der Beziehung. In der Öffentlichkeit in harmonisches, einvernehmliches Bild der Freundin des Hauses, des Künstlers und eine Menge Presse. Dabei zeichnet sich häufig ein anderes Bild: eine schlecht definierte Geschäftsbeziehung voller Abhängigkeiten, die manchmal an Ausbeutung grenzt. Zum Preis von schöner Kleidung. Und die Gefahr dass irgendwann die Muse ersetzt wird.


Das heißt aber wiederum nicht, dass Musen nicht gebraucht werden. Die ständige Suche nach Inspiration ist ein wichtiger Teil des Künstlerdaseins und die ganze Welt kann Inspiration sein: Natur, Städte, Musik, Gelesenes, Gesehenes und andere Menschen. Wer von uns ist nicht schon einmal von einem Menschen, dem wir begegnet sind, Freunde, Musiker oder einfach einem YouTuber, Tiktoker und Twitcher völlig inspiriert worden? Die Rolle der Muse ist ein wesentlicher Bestandteil der Kreativität und der Kunst, daran ändert sich nichts und sollte sich auch nicht. Wir brauchen Muse. Und für junge, aufstrebende Künstler kann die Zusammenarbeit mit reiferen Künstlern ungemein beflügelnd sein ein neues Verständnis in der eignen Arbeit sein.