Niemand beherrscht den wohligen Grusel so sehr wie Tim Burton. Der Regisseur dem wir Edward mit den Scherenhänden oder Sleepy Hollow verdanken. Er begann als Animator bei Disney und führte Regie bei viel beachteten Kurzfilmen wie Vincent (1982) und Frankenweenie (1984), bevor er den Sprung ins Spielfilmgeschäft schaffte.
Sein Kinodebüt gab er 1985 mit Pee-Wee’s Big Adventure. Seitdem hat Burton eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Sein visueller Stil ist einzigartig und verbindet die europäische Kunstästhetik des 19. und 20. Jahrhunderts mit amerikanischem Kitsch. Dieser Stil wird mittlerweile als „Burtonesque“ bezeichnet.
Gothic in der Vorstadt

Die visuelle Vorstellungskraft des Regisseurs bringt oft gotische Architektur und Atmosphäre mit seiner eigenen Erziehung im sonnigen Los Angeles zusammen. Eigentlich sollte das gar nicht funktionieren – eine Welt der Dunkelheit, der wilden Moore und Spukschlösser, gekreuzt mit pastellfarbenen Bungalows, Lattenzäunen und grünen Rasenflächen, so amerikanisch wie Apfelkuchen. Und doch ist Burton bei der Verschmelzung dieser unwahrscheinlichen Welten auf kreatives Gold gestoßen. Der Kontrast ist in fast allen seinen Filmen zu sehen. Die Burgruine, die in Edward Scissorhands“ über der Vorstadt thront, ist ein klassischer Burton-Touch. Die gotische Vorstadt wird in „Frankenweenie“ in animierter Form wieder aufgegriffen. In „Dark Shadows“ ist das gotische Herrenhaus der Familie Collins in den Bäumen über dem Fischerhafen von Collinsport versteckt.
Deutscher Expressionismus

Der Regisseur beschrieb die berühmte deutsche Kunstrichtung in dem Buch „Burton on Burton“ (Mark Salisbury, 1995) als „das Innere des Kopfes von jemandem, wie ein verinnerlichter Zustand, der nach außen getragen wird.“ Das gilt nicht nur für die Hell-Dunkel-Lichteffekte, sondern auch für das Produktionsdesign und die wild übertriebenen Kulissen und Dekors. Man denke nur an das Schloss des Erfinders in Edward Scissorhands oder ganz Gotham City in Batman Returns. Burtons filmisches Universum ist dem deutschen Expressionismus geschuldet.
Die schwebende Kamera

In den Filmen von Tim Burton gibt es eine Menge Kamerabewegungen. Sie wird ausdrucksstark eingesetzt, und der Effekt ist pure filmische Handwerkskunst. Die Kamera ist oft an einem Dolly, einem Kran, manchmal sogar an einem Hubschrauber oder dem traditionellen Steadicam-Gerät befestigt. Manchmal hat man das Gefühl, sich in einer Achterbahn oder Geisterbahn zu befinden. Eine der charakteristischen Kamerabewegungen von Burton ist die Kamerafahrt in hohem Winkel, die gleitet und sich schlängelt. Sie wird eingesetzt, um die Kulissen zur Geltung zu bringen und das maximale filmische Potenzial der Bilder zu erreichen. Beispiele für diese Kameraästhetik sind in jedem einzelnen Film zu sehen. Vor allem in den Vorspannsequenzen setzt Burton die hochwinklige, wandernde Kamera ein.
Keine Streifen, kein Burton

Wir wissen, dass die Figuren von Tim Burton einzigartig sind – und das nicht nur um ihrer selbst willen, sondern weil sie ein wesentlicher Aspekt der Ästhetik von Tim Burton sind. Seine Figuren zeichnen sich durch ihre übertriebenen Merkmale aus: langes, krauses Haar, hängende Augen, schlaksige Gliedmaßen usw. Aber die übertriebenen Merkmale dieser Figuren dienen oft als Vorwand, um ihre menschliche Seite zu verbergen.
Das ist auf die lange Zusammenarbeit mit Colleen Atwood zurückzuführen. Die Kostümdesignerin hat in mehr als 12 Burton-Produktionen die Kostüme entworfen. Ihre Zusammenarbeit hat einige der besten Kostüme der jüngeren Kinogeschichte hervorgebracht, wie zum Beispiel die Kostüme von Edward Scissorhands und Sweeney Todd.
Kennzeichnend für Burton sind Elemente aus der Gothic-Subkultur, Viktorianische Andeutungen und Gestreifte Kleidung. Etwa Beetlejuice’s Anzug, Wednesday Addams Schuluniform oder Sweeney Todds Standkleidung.
Der blasse Junge

Burtons männliche Protagonisten sind blass und groß, schlaksig und mit wirren Haaren. Die wichtigste Figure, die dabei sofort auffällt ist Edward mit den Scherenhänden. Der starke Kontrast zwischen der pastellfarbenen Kleidung aus den 1950er Jahren und dem schwarzen Gothic-Anzug, den Edward Scissorhands trägt, ist ein visueller Hinweis darauf, wie sehr er sich vom Rest der Gesellschaft unterscheidet und isoliert ist. Aber nicht nur Edward bedient diese Figur – Sweeny Todd, Beetlejuice und Barnabas Collins. Sie sind verrückt, weise, Außenseiter und zugehörig in einem.
Die schöne Puppe

Jede weibliche Hauptfigur von Tim Burton entspricht diesem Bild. Egal ob Blond oder Brünett. Sie sind das genaue Gegenteil zu dem blassen Jungen. Mit ordentlichem Haar in perfekter Kleidung. Fast eine viktorianische Puppe. Häufig in 1950er New Look von Christian Dior, wahlweise mit offenen Haaren oder strenger Frisur. So etwa in Alice im Wunderland: Wir beginnen das Bild mit dem klassischen blauen Alice-Kleid, einer Silhouette, die von Christian Diors Kollektion von 1947 inspiriert ist. Als Alice in den Kaninchenbau fällt und in eine fremde Welt eintritt, macht ihr Kleid eine bedeutende Veränderung durch, während sie schrumpft und wächst. Schwarze Verzierungen, Streifen und kontrastierende Farben werden hinzugefügt, um den bekannten Gothic-Stil vieler seiner Werke zu erreichen. Zusammen mit den scharfen Wangenknochen, den großen Augen, dem bleichen Teint und den dunklen Augenringen sind diese Figuren unverkennbar für Burton. Genauso wie Sally, Mrs. Lovett und Emma Bloom.
Johnny Depp

Johnny Depp und Tim Burton haben acht sehr erfolgreiche Filme zusammen gedreht. Wenn Depp auf der Leinwand eine Reihe seltsamer und wunderbarer Figuren spielt – den jungen Mann mit der Schere an der Hand, den schlechtesten Regisseur der Welt in „Ed Wood“, den trotteligen Polizisten Ichabod Crane aus „Sleepy Hollow“, Willy Wonka in „Charlie und die Schokoladenfabrik“, Victor in „Corpse Bride“ (Synchronisation), den mörderischen Barbier in „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“; der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ oder der Vampir Barnabas Collins in „Dark Shadows“ – es ist zweifellos ein Element von Burtons Persönlichkeit darin zu finden.
Die Burton Renaissance
Burtons Geschichten, die oft wie verschleierte Autobiografien wirken, verwenden Kostüme, um einen für Burton typischen Stil zu erreichen. Diese „burtoneske“ Anziehungskraft, die in den späten 80ern bis in die 90er Jahre hinein sehr ausgeprägt war, wurde mit seinen neueren Werken wie Miss Peregrine’s Home for Peculiar Children stark abgeschwächt, aber in nach der Veröffentlichung des Addams Family-Spinoffs Wednesday hoffe ich, wie viele andere auch, auf ein Wiederaufleben des Stils von Tim Burton in seiner Fortsetzung von Beetlejuice.
