
Fleurs Leben ist das Internet. Dieser Ort bietet der Datenforensikerin im Gegensatz zur realen Welt Geborgenheit. Als Fleur die Wohnung ihrer verhassten französischen Großmutter erbt, wird sie mit ihrer ungeklärten Familiengeschichte konfrontiert. Auf den Spuren ihrer Ahnen reist Fleur nach Frankreich in die Auvergne. Dort stößt sie auf ein dunkles Geheimnis, das bis in die Zeit der Aufklärung zurückreicht. Dabei blickt sie auch einer Bestie ins Gesicht, die das Schicksal ihrer Familie seit Generationen überschattet. Nach dieser Begegnung wird Fleur für immer eine andere sein.
Gruselige Wirklichkeit
Es gibt wenige Berichte über ein Wesen, dass so gruselig erscheint wie die der Bestie des Gévaudan. Im süd-westlichen Frankreich, in einer dünnbesiedelten Region des Aubrac, im französischen Zentralmassiv, wurde die Bevölkerung zwischen 1764 und 1767 von einer unheimlichen Bestie terrorisiert. Bis heute ist sich die Forschung uneinig um welches Tier es sich handelte. Von afrikanischen Wildtieren, tollwütigen Wölfen oder adoleszenten Löwen bis hin zu Hybriden gehen die Überlegungen. Die Beschreibungen sprechen von einem großen, kräftigen Tier, welches vor allem Menschen attackierte, verschleppte und fraß. Den zeitgenössischen Quellen nach wich sie Angreifern geschickt aus und griff auch selten andere Tiere an.
Im Laufe der drei Jahre fielen ihr knapp 100 Menschen zum Opfer, vor allem Kinder und junge Frauen, die zu dieser Zeit als Schäfer- oder Hirten eingesetzt wurden und entsprechend alleine auf den Weidefeldern waren. Die vorwiegend mit Strauch- und Grasvegetation bestandenene Region, boten dem Tier die möglichkeit sich geduckt an die Opfer heranzupirschen.
Über ihre Angriffe wird berichtet, dass das Tier die Opfer häufig umkreiste, ehe sie das Opfer entweder von Hinten oder der Seite im Bereich Kopf oder Hals angriff und sich dabei auch auf die Hinterbeine aufrichtete. Berichte schildern, wie die Bestie ihre Opfer mit der Pranke zu Boden schlug, ehe sie es erstickte, um dann zu zu beißen und das Opfer zu verschleppen.
Der Schrecken in der Region lies sich schließlich nicht mehr ignorieren, insbesondere die Briefe zwischen den Polizeiverantwortlichen der Auvergne in Clermont und des Languedoc in Montpellier mit örtlichen Vertretern zeigen ein Bild der Angst, die sogar bis an den Hof von Versailles drang. Der König, Louis XV., befahl darauf mehre Treibjagden und es wurde eine Prämie von 9.000 Livres für die Erlegung der Bestie ausgesetzt. Im Zuge dessen wurden mehrere auffallend große Wölfe getotet, die im verdacht standen die Besteie zu sein, die Angriffe begannen allerdings immer wieder von neuem.
Die Person, die wahrscheinlich die Bestie getötet hatte, war der Gastwirt udn Tagelöhner Jean Chastel. Dieser erschoss im Sommer 1767 einen Wolf, der auffällige Merkmale hatte und durch den Notar Marin in einem Bericht aufgeführt wird. Da die Angriffe danach aufhörten, ist es wahrscheinlich, dass Chastel die tatsächliche Bestie erschossen hatte.
Familiendrama
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte entfaltet sich die Geschichte von Fleur, einer Datenforensikerin, die sich in ihrer eigenen kleinen Welt aus Bites, Bytes und Daten am sichersten fühlt. Menschen begegnet sie eher abweisend und öffnet sich niemandem wirklich. Doch dann erreicht sie eine Nachricht, die ihr Leben und ihre Familie durcheinander bringt: Sie erbt die Wohnung ihrer französischen Großmutter. Gemeinsam mit ihrem Bruder Max reist sie nach Frankreich und langsam schält sich heraus, was der Kern der Geschichte ist. Es geht um Alpträume, die Fleur träumt, die Geschichte von einer Bestie, die im 18. Jahrhundert in Frankreich einige Menschen getötet hat und die Verbindung ihrer Familie zu einem Gebiet in der Auvergne, von dem die Großmutter glaubte, die rechtmäßige Besitzerin zu sein.
Die Handlung selbst entfaltet sich wie eine Blume, gemeinsam mit Fleur auf der Reise zu sich selbst und ihren Wurzeln. Dadurch lernt man den Grund für ihre Art kennen, ebenso die Dynamik zwischen der Familie, in denen zu Beginn nur ihr Stiefvater und Bruder sympathisch erscheinen. Dabei verwebt die Autorin Motive des Märchenhaften mit der Realität: Böse Hexen, Rumpelstilzchen und das Biest werden zu Sinnbildern eines traurigen Familiengeheimnisses, dass sich über Jahrhunderte hin zieht.
Ein Krimi in Auvergne
Nachdem Max allerdings realtiv schnell seine eigenen Problem elösen muss, reist Fleur alleine los – über Luxemburg nach Frankreich hinunter in die Region der Auvergne. Sie erledigt ihre Arbeit in Pensionen, Hotelzimmern und Ferienwohnungen, befragt Leute und stöbert in alten Dokumenten um etwas Licht ins Dunkel zu bringen. Im Laufe ihrer Recherchen in der abgelegenen Region kommt Fleur nicht nur auf die Spur der Geschichte um die Bestie, sondern muss sich auch mit ihrem schwierigen Familiengeflecht auseinandersetzen und lernen wem sie trauen kann und wem nicht.
In Auvergne macht sie die Bekanntschaft mit unterschiedlichen Personen, die so schroff und interessant sind wie die Landschaft selbst und einem Verein, der versucht das historische Erbe der Region, insbesondere die Angriffe der Bestie aufzuklären.
Nina Blazon gelingt es hier die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen, aber wie sich eben ein Mensch des 21. jahrhunderts, der mit Geschichte nicht viel zu tun hat, einem historischen Ereignis annähert. Dabei kommt der Autorin zu gute, dass sie bereits schon einmal über dieses Thema geschrieben hat und bereits in der Auvergne war. Immer wieder werden französisch eOrtshcaften beschrieben, Charaktere erschlossen und die Stimmung der Region eingefangen: es es ist eine karge, eher schroffe Landschaft mit ihrer eigenen strengen Schönheit. Und daraus gelingt es Nina Blazon, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen.


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