Hinter den Kulissen von „Grimmige Geschichte“: Warum das wahre Schneewittchen in Brüssel sterben musste

Es ist das bekannteste Märchen der Gebrüder Grimm: Eine wunderschöne Prinzessin, eine eifersüchtige Stiefmutter, sieben treue Zwerge und ein vergifteter Apfel, der am Ende dank eines Kusses doch kein Todesurteil war. Schön, romantisch und dank Walt Disney der erste abendfüllende Zeichentrickfilm.

Doch wenn man die dicke Schicht aus Romantik und Idylle abträgt, stößt man im 16. Jahrhundert auf einen echten historischen Kriminalfall. Einen Fall von systematischer Grausamkeit, eiskalter Geopolitik und einem grausamen Giftmord im Herzen der mächtigsten Stadt im Nordeuropäischen Raum: Brüssel.

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Das wahre Schneewittchen hieß Margarethe von Waldeck. Und ihre Geschichte zeigt: Die Realität war um ein Vielfaches düsterer als jedes Märchen.

Die „böse Stiefmutter“ von Bad Wildungen

Unsere Geschichte beginnt 1533 im ländlichen Hessen. Margarethe wird als Tochter des Grafen von Waldeck auf Schloss Friedrichstein geboren und wächst zu einer außergewöhnlichen Schönheit heran. Chronisten beschreiben sie als feingliedrig, mit auffallend heller Haut und blondem Haar– ein wandelndes Schönheitsideal der Renaissance.

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Doch das Familienglück zerbricht früh, als ihre Mutter stirbt und der Vater erneut heiratet. Ihre Stiefmutter, Katharina von Hatzfeld, entpuppt sich als herrschsüchtig, eitel und extrem eifersüchtig auf die jungen Margarethe. Aus vermutlich familiären Gründen, aber auch weil es eine gängige Praxis der Zeit war schickte der Graf seine Tochter zur Erziehung an einen anderen Adelhof. Zunächst in das etwas südlicher gelegene Weilburg. Danach wurde sie durch ihren Onkel mütterlicherseits, Johann von Friesland nach Siebenbürgern geschickt. Diese Erziehung lehrte Margarethe höfische Etikette, Konversation und und Fertigkeiten einer Adelstochter.

Mit 16 Jahren wird Margarethe aus der Heimat weggeschickt. On politisches Kalkül des Vaters oder eine Ehrung der jungen Frau ist nicht genau nachvollziehbar. Ihr Ziel: Der glanzvollste und gefährlichste Ort der damaligen Welt – der kaiserliche Hof in Brüssel.

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Eine verbotene Liebe und die Alarmglocken der Macht

In Brüssel angekommen, erobert die junge Grafentochter die Herzen im Sturm. Obwohl aus der hessischen Provinz und nachrangig wird sie Ehrendame der Königin. Eine Position, die die junge Margarethe zu einer begehrenswerten Partie gemacht hätte, wäre sie nicht bereits eine Schönheit. Doch sie begeht den fatalsten Fehler ihres Lebens: Sie verliebt sich in den begehrtesten Junggesellen Europas, Kronprinz Philipp von Spanien, den zukünftigen Herrscher über ein Weltreich, in dem die Sonne niemals untergeht.

In die Geschichtsbücher ist Philipp II. als der „schwarze König“ eingegangen. Erzogen als Erbe eines Weltreiches ist er ein unermüdlicher Machtpolitiker und fanatischer Katholik. Wie eine dunkle Wolke, die scheinbar im palast des Escorial saß. Er gilt als der Mann, der die spanische Inquisition anfeuerte und die legendäre Armada gegen England in den Untergang schickte.

Doch im Jahr 1549, als er in Brüssel eintrifft, ist Philipp 22 Jahre alt. Als Kronprinz muss er politische Allianzen schmieden und das in Brüssel. Er ist ein junger Mann, der unter dem gigantischen Druck seines überlebensgroßen Vaters, Kaiser Karl V., steht. Philipp wurde zu absoluter Selbstbeherrschung erzogen. Gefühle waren in seiner Welt eine Schwäche, Menschen nur diplomatische Schachfiguren.

Der Kronprinz, war zu diesem Zeitpunkt bereits verwitwet, und hatte erstmals Spanien verlassen um durch Europa zu reisen. Eine der Stationen war Brüssel. Dort traf der künftige Monarch Spaniens mit seinem Vater, Kaiser Karl VI, zusammen. Philipp genoss das Kulturleben der Weltstadtbrüssel und bereitete sich auf eine Weiterreise vor.

Und dann begegnet er Margarethe von Waldeck

Zum vielleicht ersten und einzigen Mal bricht die starre Fassade des spanischen Kronprinzen. Die Berichte der Hofdiplomaten zeigen uns einen völlig veränderten Philipp: Er vernachlässigt seine Staatsgeschäfte, sucht ununterbrochen ihre Nähe und verliert sich in einer Leidenschaft, die so gar nicht zu seinem sonst so kontrollierten Wesen passt.

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Aus der leidenschaftlichen Romanze wird eine handfeste europäische Staatskrise. Eine deutsche, protestantisch geprägte Grafentochter auf dem spanischen Thron? Für den Kaiser und den spanischen Staatsrat ein absolut unvorstellbares Szenario. Philipp war längst für die englische Königin Maria Tudor vorgesehen, um eine mächtige Allianz gegen Frankreich zu schmieden. Die Tochter aus der Ehe Heinrichs VII. und Katharina von Aragon war die rechtmäßige, katholische Erbin des englischen Throns und wurde durch ihren versuch, den Katholizismus in England zu reinstallieren als „Bloody Mary“ bekannt.

Im brutalen Intrigenspiel der Renaissance zählte das Wort eines Kaisersohnes nichts gegen die Staatsräson. Philipp reiste ab. Das ziel waren die Britischen Inseln wo er 1553 die Königin Maria Tudor heiraten würde. Margarethe bleibt zurück. In wieweit Philipp über eine Heirat tatsächlich nachgedacht hatte, ist nicht genau geklärt, aber sein verhalten war genug um den politischen Mächten in seinem Umfeld sorgen zu bereiten. Der sonst so kontrollierte, introvertierte junge Mann schien ernsthaft die unbedeutende Deutsche umwerben zu wollen.

Margarethe war den mächtigsten Männern Europas im Weg. Brüssel zu sehen, war ihr Traum von Freiheit – doch es wurde ihr Todesurteil.

Die Tragödie im Staatsarchiv: Das zittrige Testament

Im März 1554, Margarethe ist gerade einmal 21 Jahre alt, bricht sie gesundheitlich zusammen.

Die junge Gräfin hatte seit ihrer Ankunft regelmäßig nach Waldeck-Wildungen geschrieben. Anfangs berichten die Briefe noch vom Glanz des Brüsseler Hofes, von den Festen und der Mode. Doch im Jahr 1553/1554 ändert sich der Ton. Margarethe beginnt, über mysteriöse, chronische Leiden zu klagen.

Hier ist ein quellennaher, historisch nachempfundener Auszug, wie ein Brief an ihren Vater klang:

„Ehrwürdiger, lieber Vater… ich muss Eurer Liebden mit schwerem Herzen klagen, dass mein Leib von Tag zu Tag schwächer wird und die Ärzte hier mir keinen Trost zusprechen können. Ein brennender Schmerz verzehrt meinen Magen, und es verbleibt kaum Speise oder Trank in mir. Auch meine Hände und Füße sind schwer wie Blei, dass ich kaum die Feder zu führen vermag, und ein kaltes Taubheitsgefühl kriecht mir in die Glieder… Ich sehne mich nach der Luft der Heimat, denn hier im fernen Brüssel verlässt mich alle Kraft…“

Anhand dieser Dokumente ist ihre Todesursache rekonstruierbar: Wochenlang leidet sie unter Magenkrämpfen und fortschreitenden Lähmungen. Sie wird systematisch mit Arsen vergiftet. Wer den Becher reichte, wurde nie vollständig geklärt. Doch die Historie deutet auf spanische Geheimagenten hin, die die politisch unpassende Liebschaft des Kronprinzen eliminierten. Die Familie von Waldeck selbst war nicht einflussreich genug, um die junge Gräfin aus Brüssel heraus zu holen.

Wie qualvoll ihr Ende war, beweist ihr erhaltenes Original-Testament, welches im Staatsarchiv Marburg liegt. Während die ersten Zeilen noch klar diktiert sind, ist ihre Unterschrift am Ende nur noch ein krakeliges, zittriges Etwas. Das Gift hatte ihre Finger bereits gelähmt. Margarethe starb einsam in der Fremde – und kein Prinz konnte sie wachküssen.

Ihr Grab kann nur ungefähr lokalisiert werden.

Und woher kommen die sieben Zwerge?

Als die Brüder Grimm 250 Jahre später durch Hessen reisten, um Sagen zu sammeln, stießen sie ach auf Margarethes Schicksal. Zu diesem Zeitpunkt war die Geschichte der ermordeten Gräfin bereits ein ein Märchen von einer schwarzhaarigen Prinzessin bei den sieben Zwergen. Doch die sieben Zwerge waren keine Fabelwesen – sie waren reale Produkte des frühneuzeitlichen Bergbaus.

In Margarethes Heimatregion Waldeck lag und liegt das Bergbaustädtchen Bergfreiheit. In den Dortigen Berwerken wurde Kupfe abgebaut und vor allem arbeiteten damals Kinder in extrem engen, niedrigen Stollen, um Kupfer abzubauen. Durch den extremen Nährstoffmangel, die harte Arbeit im Dunkeln und die giftigen Dämpfe blieben diese Kinder im Wachstum zurück, wurden verkrüppelt und alterten im Gesicht rapide. Die Bevölkerung nannte sie im Volksmund „die Zwerge“. Und in Bergfreiheit gab es genau sieben Hauptstollen.

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Zusammen mit dem allgegenwärtigen Arsenik, das in den Hüttenwerken als Abfallprodukt entstand, verwebte sich die Geschichte eines brutalen politischen Mordfalls und dem Elend der Bergbau-Kinder zu Märchen, das wir heute alle kennen.

Was denkst du? Kanntest du die düstere Realität hinter Schneewittchen bereits? Schreib es uns unbedingt in die Kommentare!

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